Gastbeitrag Maik Eimertenbrink
von GR
Veränderungen selber machen – Veränderung in der eigenen Lebenswelt
von Maik Eimertenbrink
‘Veränderungen selber machen’ ist der Untertitel und das Motto der Nachhaltigkeitsguerilla. Die Do-it-yourself-Bewegung ist wieder en vogue. Das gilt für all die Heimwerker, die den Run auf die Baumärkte starten bzw. die Ikea-Zusammenbau-Möbel einkaufen. Das gilt aber auch für die Nachhaltigkeitsbewegung. So werden aus alten VHS-Videokassetten die Bänder rausgezogen, um damit Armschmuck herzustellen, so werden selbstgestrickte Schals genutzt, um die Städte zu schmücken und öffentliche Fahrradständer mit Selbstgestricktem zu umgarnen. Nachhaltigkeit reißt aus der Öko-Nische aus und ist angekommen in Lebensgefühl, Urbanität, Kunst und auch Kommerz.
Schon öfter war es soweit, dass Städter auszogen, um in Kommunen ein selbst gewähltes und selbst verwaltetes Leben zu gestalten. Viele kamen nach wenigen Monaten zurück, um dann doch wieder in selbstgegründeten Werbeagenturen etc. zu arbeiten. Einige haben es auch ein paar Jahre länger ausgehalten und kommen mit der Erleuchtung zurück, dass doch nicht alles so verlaufen ist, wie sie es sich vielleicht vorgestellt haben – dass Geisteswissenschaftler eben doch nicht geborene Landwirte und Selbermacher sind.
Doch mit Selber-Machen soll auch gemeint sein, dass sich die eigene Lebenswelt verändert bzw. aktiv: Dass man selbst die eigene Lebenswelt verändert – und bitte in Richtung Nachhaltigkeit! Doch dazu muss in den jeweiligen Lebenswelten vorgestoßen werden, die Sprache und die Kultur gelernt werden, um auch da anzuknüpfen, wo sich der Rezipient aufhält. Nachhaltigkeit muss zum Menschenfischer werden und die Strömung möglichst in die richtige Richtung lenken.
Sieht man die Nachhaltigskampagnen großer Firmen, großer Parteien und auch von Non-Government-Organisationen, hat man oft den Eindruck, dass sie knapp vorbeischießen. Selbst wenn man ihnen nichts Böses, kein Greenwashing, unterstellen möchte, so ist der ‘Jugendliche von nebenan’ ganz woanders. Lebt scheinbar ganz woanders. Wer es beispielsweise in Berlin-Neukölln zu etwas gebracht hat, in jungen Jahren, den erkennt man nicht am Elektro-Auto, sondern nach wie vor am tiefergelegten Schlitten.
Wir erwarten nicht, dass jetzt jeder zum ‘Öko-Freak’ wird, dennoch wäre ein Um- und Weiterdenken in der eigenen Lebenswelt erstrebenswert, aber das eben schrittweise und nachvollziehbar, jeweils im eigenen Umfeld.
Kommunikation im Kontext von Lebenswelten
An dieser Stelle soll auf das ‘kommunikative Handeln’ von Habermas eingegangen werden, um unseren Ansatz theoretisch zu untermauern evtl. an der ein oder anderen Stelle auch etwas zu verwirren, aber insgesamt hoffentlich etwas mehr Licht in unseren Ansatz zu bringen.
Die Lebenswelt gibt während der Kommunikation immer den kontextbildenden Horizont. Für die Kommunikationsteilnehmer wird dieser lebensweltliche Kontext als gemeinsame Plattform vorausgesetzt. Sie greifen somit jeweils auf gleiche Deutungsmuster zu, die sich kulturell überliefert und sprachlich organisiert entwickelt haben.
Das aus der Lebenswelt entstandene ‚Hintergrundrauschen’ wird im kommunikativen Handeln nicht in Frage gestellt oder ausdiskutiert und die Kommunizierenden gehen davon aus, dass der jeweils andere ihn aufgrund der ‚geteilten Lebenswelt’ verstehen wird. Die Grenzen der Lebenswelt können nicht hintergangen werden, d. h. die jeweilige natürliche Einstellung kann nicht willentlich verändert werden; vielmehr stützt sich jede Wahrnehmung auf bereits vorher Verstandenes.
Strukturelle Komponenten der Lebenswelt
a) Kultur: Durch die Erzählungen, Überlieferungen und Fortschreiben von Traditionen und kulturellem Wissen, führt die jeweilige Lebenswelt zur ‚kulturellen Reproduktion’. Die jeweiligen Lebenswelten werden aufrecht erhalten und bestehende Verhältnisse weiter geführt.
b) Gesellschaft: Die Solidarität zwischen den einzelnen Mitgliedern einer Gesellschaft führt zu
den sozialen Räumen einer Gesellschaft, d. h. eine Gruppierung von Personen, dessen Mitglieder
sich (innerhalb der Gruppe) solidarisch verhalten (sprich ein Bewusstsein von Einheit entfalten, sich gegenseitig helfen bzw. Hilfsbereitschaft signalisieren und gleiche Interessen haben), schafft einen (gesellschaftsinternen) Sozialraum.
c) Person: Durch die Erfahrungen, die in der jeweiligen Lebenswelt gemacht wurden, entsteht
ein Wissensvorrat, der die personale Identität bildet. Die Persönlichkeit (einer Person) ist
nach Habermas die Kompetenz einer Sprach- und Handlungsfähigkeit, gewachsen aus dem
Wissensvorrat der Lebenswelt. Diese Sprach- und Handlungsfähigkeit führt dazu, dass die
Person an Verständigungsprozessen teilnehmen kann und sich so eine eigene Identität bildet.
Habermas verwendet den Begriff ‚Lebenswelt’ für eine ‚gemeinsame Welt’, in der gemeinsame Bedeutungen und gemeinsame Werte vorhanden sind. In dieser ‚gemeinsamen Lebenswelt’ erkennen Gesprächspartner sich gegenseitig als, wie Habermas sagt, ‚zurechnungsfähig’ an. Die Kommunikation des Gegenüber wird also nicht als absurd und ‚nicht von dieser (Lebens-)Welt’ angesehen, sondern akzeptiert, wahrgenommen und ‚verstanden’. In der Lebenswelt handelt der Mensch ‚vertraut’.
Die gemeinsame Lebenswelt einer sozialen Gruppe wird von Gruppen-Externen nicht verstanden.
Sie betrachten die Gruppe aus der Beobachterperspektive als `funktionale Vernetzung von Handlungsfolgen’, sprich ein Außenstehender sieht letztendlich lediglich (logisch) aufeinanderfolgende Handlungen, schafft es jedoch nicht, hinter die Fassade der Logik zu schauen und gewinnt daher keinen Ein-Blick in die Lebenswelt, sondern immer nur beobachtend darauf.
Formal organisierte Systeme, Lebenswelt und ihre gegenseitigen Abhängigkeiten
Die Lebenswelt funktioniert zunächst neben den formal organisierten Systemen (Ökonomie, Verwaltung etc.). Letztendlich kann die jeweilige Lebenswelt nur mit Hilfe der formal organisierten Systeme über-leben. Die Lebenswelt ist (bzw. macht sich aufgrund von Geld und Macht) abhängig von formalen Systemen, eine Entkoppelung, eine Lossagung von formalen Systemen, ist somit nicht möglich. Aber auch in die andere Richtung ist keine Entkoppelung möglich. Die Systeme Ökonomie, Verwaltung etc. können naturgemäß nicht ohne die Lebenswelt der Individuen überleben.
Das menschliche Wesen funktioniert nicht maschinell und durch und durch (formal) systematisch. Der subtile, für das Alltagsbewusstsein unmerkliche Einzug von Macht und Geld in die Lebenswelten führt jedoch schleichend zu Sinnverlusten, Legitimationsentzug und/oder Orientierungskrisen. Die verschiedenen Wertsphären, wie Wissenschaft, Moral und Kunst verlassen nach und nach die individuelle Lebenswelt und werden dadurch, dass sie Fachleuten überlassen werden, institutionalisiert und den formalen Systemen überlassen. Diese Experten führen die Wertsphären in eine Fach-Welt und entführen sie somit der individuellen Lebenswelt des Individuums, in eine für das Individuum nicht mehr nachzuvollziehende Fach-Welt.
Fach-Welt und Lebens-Welt entfernen sich somit immer weiter auseinander. Es wird zunehmend
schwieriger, die jeweilige Fach-Expertise in die Lebenswelt zurückzuführen. Die entwertete Lebenswelt beginnt zu ‚verarmen’.
Die nun ‚mürbe gemachte’ Lebenswelt kann nun von sogenannten ‚Kolonialherren’ ausgebeutet
und zur ‚Assimilation’, einer schrittweisen ‚Verschmelzung einer Minderheit an die Mehrheit’, gezwungen werden.
Das Selbstverständnis der Nachhaltigkeit-Guerilla: Jugendgerechte Aufbereitung und
lebensweltorientierte Handlungsansätze
Der gemeinnützige Verein Nachhaltigkeitsguerilla e. V. hat sich laut Satzung die Kommunikation über Themen des Umweltschutzes, sozialer Belange und einer nachhaltigen Entwicklung zum Ziel gesetzt. Der Verein Nachhaltigkeitsguerilla will ein Bewusstsein dafür schaffen, dass Ressourcen endlich und Missstände alltäglich sind und daran arbeiten, Ökologie, Ökonomie und soziale Gerechtigkeit in Einklang zu bringen. Als Instrumente verwendet der Verein unter anderem Internet-Spots, öffentliche Aktionen und virales Marketing. Die Themen orientieren sich dabei an nachhaltige Kultur und Bildung, Naturschutz, Politik und Menschenrechte.
Ein weiterer Schwerpunkt ist die Bildungsarbeit zu oben genannten Themengebieten, Zusammenarbeit mit Schulen und Hochschulen bei Ideen und Umsetzung von Spots und Aktionen sowie Öffentlichkeits – und Informationsarbeit.
Dabei sollen Nachhaltigkeitsthemen zunächst so verpackt werden, dass sie einen Platz in den
Lebenswelten derjenigen Jugendlichen finden, die sich bisher kaum oder gar nicht mit dem
Thema Nachhaltigkeit auseinandergesetzt haben. Neben der jugendgerechten Aufbereitung sollen
aber möglichst auch immer jugendgerechte und lebensweltorientierte Handlungsansätze aufgezeigt werden.
Über den Blog www.nachhaltigkeits-guerilla.de sollen oben genannte Themengebiete so
beschrieben werden, dass sie die Lebenswelt von Jugendlichen berühren. Sie sollen dort
‚abgeholt’ werden, wo sie sich befinden. Die Themen werden deshalb mit Street Art, Guerilla
Art, Graffiti, HipHop, Viral Spots etc. ‚gewürzt’ und jugendgerecht aufbereitet.
Ziel ist es, die Beiträge auf Blogs zu Street-Art, auf Youtube oder auch auf publikumsstarken
Seiten wie Bild.de oder Otto.de zu platzieren, indem die jeweiligen Blogbetreiber auf unseren
Blog verweisen bzw. an Blogkarnevals teilgenommen wird. Neben der jugendgerechten Aufbereitung der Themen soll auch immer ein Handlungsansatz geliefert werden, der die Lebenswelt der Jugendlichen betrifft. Es werden demnach weniger Nachhaltigkeitsthemen aufgegriffen, die von Wirtschaft und Politik behandelt und bearbeitet werden, sondern möglichst Handlungen und Ideen nahegelegt, die vom Jugendlichen selbst umgesetzt werden können bzw. zumindest ein Verständnis zum Umdenken herbeiführen.
Überlassen wir Nachhaltigkeitsthemen also nicht wissenschaftlichen, technischen, wirtschaften und politischen Fach-Welten sondern bringen wir Nachhaltigkeit in unsere eigene Lebens-Welt!
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Autorennotiz: Maik Eimertenbrink, Jahrgang 1975, ist Dipl. Kommunikationswirt, Berlinpilot, Aktivist, Blogger. Er hält Vorträge und Seminare u. a. zu den Themen „Aktivismus im öffentlichen Raum“, „Persuasion im öffentlichen Raum“ und „Social Media goes green“. Er hat mit seinem Blog zahlreiche Preise gewonnen und eine feste Anhängerschaft. Während seines Kommunikationsstudiums hat er sich schon auf Umwelt- und Nachhaltigkeitskommunikation spezialisiert und ist freiberuflich für Nachhaltigkeitsprojekte bei Werbeagenturen wie ‘Die goldenen Hirschen Berlin’ tätig.
Die Nachhaltigkeitsguerilla setzt sich für eine umweltbewusste und gerechte Welt ein. In Aktionen, Videos und Beiträgen greifen sie Themen rund um Kultur, Bildung, Naturschutz, Politik und Menschenrechte auf. Das Motto des Vereins: Veränderung selber machen.
Mehr Informationen gibt es hier.





















[...] heute sind zwei Artikel von Nachhaltigkeits-Guerilla-Mitgliedern beim Fundraiser-Magazin und auf Green-Responsibility erschienen und morgen halte ich einen Vortrag über ‘Persuasion im öffentlichen Raum’ [...]
[...] vom 15.02.2011: Der oben angekündigte Gastbeitrag ist nun auf Green-Responsibility unter dem Titel ‘Veränderungen selber machen – Veränderung der eigenen [...]
Was um Fahrradständer gewickelte Strickschals mit Nachhaltigkeit zu tun haben, muss mir bitte noch jemand erklären.
Hallo Frank, ja, gern erklären wir Dir, was um Fahrrad gewickelte Strickschals mit Nachhaltigkeit zu tun hat. Ich zitiere da mal ‘Oya – anders denken, anders leben’ deren Leitspruch es ist: “Selbermachen als neue Lebenshaltung ist die Politik der Tat. Durch mein Handeln verändere ich die Welt.” Ich verändere die Welt durch Selbstgemachtes. Ich sehe es nicht mehr ein, die Bebilderung der Stadt den Werbeagenturen zu überlassen. Wozu soll überall Herr Kaiser von den Wänden lächeln, holen wir uns unsere Stadt zurück. Das steckte auch schon hinter Graffits, Street-Art und Co. Heute ist Yarn Bombing der (relativ) neue Trend. Wer an seiner Stadt interessiert ist, Lust hat, mitzugestalten und sei es durch gestrickte Schals an Fahrradständern, der zeigt eine Haltung – nämlich die Haltung, dass wir Dinge selbst machen, uns mit der Stadt auseinandersetzen, unsere Einstellung geändert haben und uns nicht irgendetwas vorsetzen lassen wollen, was sich andere für uns ausgedacht haben – was andere für uns für gut befunden haben… Mehr Infos findest Du z. B. unter http://www.oya-online.de/article/read/282.html